Samstags-Lotto

Kaffeepause

Es ist Montag. Montagmorgen. Ich sollte wohl vorausschicken, dass Sieglinde gerade aus dem Urlaub kommt. Ein Kurzurlaub nur, eigentlich nicht einmal das, lediglich das durch einen Brückentag verlängerte Wochenende, aber für sie, die nie Abwesende, ein bemerkenswerter Einschnitt.

Äußerlich wirkte sie unverändert. Sie war immer ruhig und ausgeruht, und genauso saß sie auch jetzt an ihrem Schreibtisch. Doch sie war in Italien gewesen. Und dort hatte sie, wie könnte es anders sein, eine neue Liebe gefunden: Heiß wie die Hölle, schwarz wie der Teufel, rein wie ein Engel und süß wie die Liebe, so musste er sein !
 

Und sie wusste: Nie wieder würde sie einen deutschen Kaffee trinken .
"Nur noch Cafe´, wie die Italiener sagen, " nur noch Espresso ...", seufzte sie liebevoll und dachte mit Schaudern an die dünne Brühe aus dem Kantinen-Automaten.
Nie wieder !
"Ich mache Kaffeepause !"

So früh schon ? Dr. Bleichbreier sah nur kurz auf die Uhr, als Sieglinde ihre Unterlagen zusammen schob und das Büro verließ.
Direkt vor dem Lottotempel war ihr eine kleine Bar aufgefallen, die es offensichtlich noch nicht lange gab. Fünf Minuten würden ausreichen, um ihr den Tag zu versüßen.

Sie eilte die große Freitreppe hinunter und überquerte die Straße. Das Lokal war leer.
"Espresso !" rief sie freudig erregt gleich beim Eintreten.
Der Kellner an der Bar betrachtete sie aufmerksam und wiegte sein kahles Haupt.
"Espresso ..." wiederholte er, und bewegte sich in Richtung zu der silberglänzenden Maschine, die die Bar beherrschte. Er wirkte gedankenverloren, und tatsächlich blieb er kurz vor der Maschine vollends stehen, wendete sich noch einmal Sieglinde zu und fragte in einer fremden Sprache etwas, in dem das Wort 'Espresso' vorkam.
Wo konnte das Problem liegen? Sieglinde nickte automatisch.
"Ja, Espresso."

"Ah !" Er kehrte zu Sieglinde zurück und begann nun mit großer Geste etwas zu erklären, in einer Sprache, die er zweifelsohne für Deutsch hielt. Er mühte sich redlich, folgte den Fragezeichen in Sieglindes Augen, wiederholte der bei jedem 'Espresso' nickenden Sieglinde das Unverständliche, wurde schließlich müde und gab resigniert auf.

"Darf ich Italienisch sprechen ?"
Wieder nickte Sieglinde. Warum nicht, es war seine Muttersprache ...
Nun sprudelte erneut alles aus ihm heraus, was das Deutschsprechen in ihm angestaut hatte.
"Ich will nur einen Espresso !" dachte die immer wieder nickende Sieglinde und erschrak fast, als er plötzlich aufhörte und ihr strahlend wie der glücklichste Mensch auf Erden mit den Händen bedeutete, sich noch einen Moment zu gedulden.
Er verschwand hinter der Maschine und es hub an ein großes Klirren und Gescheppere.

Als er wieder auftauchte kredenzte er Sieglinde ein Cocktailglas. Dessen braunen Inhalt krönte ein lustig verzierter weißer Schaum, eine Zimtstange lud zum Umrühren ein.
"Espresso montato !" präsentierte er sein Kunstwerk.
Es sah nicht nur so aus, es war ein Cocktail, ein ziemlich verführerischer zudem, wie Sieglinde zugeben musste. Nur eben: Kein Espresso.
 

Als sie aufschaute in die Augen des Kellners wusste sie, dass sie sich jetzt unmöglich beschweren konnte. Es ging um mehr als einen Cafe´. Sie nahm das Glas und nippte.
Es schmeckte köstlich. Noch einmal. Jeder Schluck steigerte das Glück in den Augen des Kellners. Sie stellte das leere Glas auf die Theke und wollte zahlen.

"Niente da pagare ..." hauchte der wie vom Gift des Glücks gelähmte Kellner ohne die Lippen zu bewegen, " ... nix heute zahlen ...".

Und sein Blick verfolgte sie, als sie sich bedankte und hinausging, blieb an ihr haften wie Blütenstaub, bis sie ihr Vorzimmer erreichte. Er verließ sie erst, als sie den Augen ihres Chefs begegnete.

"Die Kaffeepausen dauern auch immer länger !" knurrte Dr. Bleichbreier. "Ich glaube, Sie vertragen keinen Urlaub ..."
Seltsamerweise war Sieglinde davon nicht im Geringsten beeindruckt.
 

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