Samstags-Lotto

Lotto-Reform

"Es tut mir leid. Ich konnte diese Pionierarbeit unmöglich ablehnen, die ich mir da zumute!"

Der sich da so für sich selbst ins Zeug legt, ist kein Geringerer als Dr. Arthur Bleichbreier höchstpersönlich. Er diputiert im kleinen Kreis mit den Honoratioren des Lottotempels über seine neue Lotto-Reform, die er partout 'Hartz 6' nennen will. Ein Name, findet er, so knorrig wie eine pensionierte Lottofee - und damit genau richtig für eine Entdämonisierung der Gewinne. Ebenso knorrig wie der Name sind auch seine Argumente, mit denen er gegen die Phalanx seines Aufsichtsrats anrennt.

"Sie sehen ja selbst, bisweilen rutscht immer wieder mal ein Gewinn durch. Solange Gewinne wie gltschige Fische sind, hilft da auch kein Zauber. Wir müssen das in den Griff kriegen, und zwar mit einer grundlegenden Reform, sonst ist bald Matthäi am Letzten!"  "Aber Lotto braucht Gewinne, wir können sie nicht einfach abschaffen!"
"Klar brauchen wir Gewinn, äh, Gewinne. Aber keine Gewinner! Da beginnt die Dämonisierung!"
"Genau betrachtet benötigen wir auch die Gewinner. Sogar eine ausgesprochene 'Gewinner-Pflege' brauchen wir! Ich gebe ihnen ein Beispiel: Der hemmungslose Alkoholgenuss. Nicht das Trinken macht Kummer, der jähe Abfall des Blutalkoholspiegels am nächsten Tag ist das wirklich Gefährliche! Wer nicht handelt, leidet jämmerlich. Und was hilft dagegen? Was hilft gegen den Kater? (Er entkorkt bei diesen Worten seine Flasche Bitter.) Nur eine artgerechte Rausch-Pflege hilft hier, nur konstantes Weitertrinken verhindert den Kater! Deshalb wäre es gefährlich, die Gewinne einfach wegzulassen, im Gegenteil: Den Dämon züchtigt nur der Dämon!"

Die Rausch-Pflege ist zweifelsohne eines von Dr. h.c.multi Grasslhauers Lieblingsthemen. Wie viele Abende hatte er schon leidenschaftlich darüber referiert, bevorzugt mit angewandten praktischen Beispielen. Doch heute hilft ihm auch seine kunstvolle Brücke zur Gewinner-Pflege nicht, Ingenieur Schlier schneidet ihm rigoros den Faden ab.

"Kein Zweifel dass sie Recht haben! Aber neben aller Philosophie gibt es noch eine Leitlinie: die des gesunden Menschenverstandes. Ich weiß nicht, was am Gewinn oder am Gewinner dämonisch sein soll!"
"Wenn Alltägliches plötzlich fremdartig wird, wenn sich das ganz normale Leben unerwartet zum Mysterium wandelt, ist das nicht etwas Ungeheueres? Etwas Dämonisches? Der Gewinn bewirkt das, er verändert den Gewinner. Schon die alten Griechen zählten dämonische Wesen zu den Halbgöttern. Wollen sie, dass wir so etwas züchten?"
Sir Nettleback Tiebreak, Commander des Schweren Lottokreuzers HMS Luthermilch, der heute eher zufällig anwesend ist, da er seinen Landurlaub gerne zum Fang hochseetüchtiger Lottofeen nutzt, verfolgt die Reden ratlos.

"Ich kann mir das nicht vorstellen! Wie soll ich mir ihre dämonischen Wesen denken? Wie den Klabautermann?"
"Nicht so negativ. Das Dämonische äußert sich in durchaus positiver Tatkraft! Es besitzt eine unbewusste Poesie, wirkt über alle Begriffe, der Verstand kann ihm nicht beikommen... ."
"Sie meinen, der Gewinn habe eine wunderbare Wirkung auf den Menschen?"
"Genau. Niemand kann ihm mehr widerstehen! Er wirkt anziehend, ohne daß er freundlich zu sein braucht."
Sieglinde, die mit einem gewissen Hang zur Exzentrizität die heutige Sitzung mit der Füllfeder protokolliert, bricht in einen Entzückensruf aus.

"Das bleichbreiersche Prinzip! Das ist es!"
"Mein Gott, Kindchen, was wissen wir schon über das bleichbreiersche Prinzip!", donnert da Hochwürden Martin Salwarth von seiner Faltkanzel.
"Wir wissen nur, was in der Hausordnung steht. Keine anderen Götter! Einer reicht ja auch."
"Aber von Halbgöttern steht nichts drin!"
Dr.Bleichbreier winkt ab.
"Ob halb oder ganz, ohne Reform geht es nicht. Hartz 6, meine Herren, ich sage ihnen, nur mit Harzt 6 werden wir dieser Mißstände Herr!"
"Aber die Langzeitlottospieler, die bleiben dabei auf der Strecke!"
"Dann eben Hartz 6 mit Zusatzzahl, meinetwegen. Aber sie werden sehen, dann kommen die Systemspieler, die Fun- oder Erlebnisspieler, die Gelegenheitsspieler, und und und. Sollen wir auf die auch alle Rücksicht nehmen?"
"Das ist ohne Zweifel lästig, aber was sollen wir machen? Wenn ihre Zahlen gezogen werden... ."
"Wer meint, Anspruch auf einen Gewinn zu haben, weil seine Zahlen zufällig gezogen wurden, der muß zunächst einen Antrag stellen. Im günstigeren Fall bekommt er dann zwar kein Geld, dafür aber gute Worte, den sogenannten Gewinn II ..."
"Und im ungünstigeren Fall?"
"Wird der Antrag abgelehnt. Oder der Lebenssituation angepasst. Arme bekommen mehr gute Worte als Reiche, je nachdem, wie sie eben damit umgehen können.
"Das funktioniert niemals, so wie sie das vorschlagen!"
"Natürlich ist es nicht serienreif, das weiß ich auch. Wir liefern es eben zunächst als Bananen-Version an die Lottoannahmestellen aus ...!"
"Bananen?"
Hochwürden Salwarth fällt vor Freude fast von der Kanzel. Seine Äuglein leuchten! Bananen, das erinnert ihn an seine Heidenkinder auf dem dunklen Kontinent. Warum nicht auch Bananen für die Lottospieler? Doch Dr. Bleichbreier reißt ihn trocken aus seinen Träumen.
"Bananen-Version! Reift beim Verbraucher...!"

So geht es weiter, bis spät in die Nacht. Gegen Dr. Bleichbreier standen sie auf verlorenem Posten. Wie sie auch fochten, ob mit dem schweren Säbel der praktischen Vernunft, ob mit dem Florett der Ironie, aus jeder Bresche, die sie in sein Plädoyer schlugen, wuchsen die bleichbreierschen Argumente nach wie Drachenköpfe. Denn Dr. Bleichbreier setzt ihren kleinlichen Bedenken die Idee der persönlichen Freiheit entgegen, seiner eigenen natürlich, ausschließlich. Klein beigeben und sich Argumenten beugen ist nicht seine Welt.
"Wenn du auf der Bühne stehst, musst du agieren wie der größte Lügner, sonst bist du nicht glaubwürdig. Aber du mußt auch eine Wahrheit spüren lassen, die tief in dir versteckt ist und die du vermitteln willst!"

Und so werden wir uns wohl in Zukunft daran gewöhnen müssen, mit 'Hartz 6 plus Zusatzzahl' zu leben. Dr.Bleichbreier wird seine Reform durchsetzen. Es ist keine Frage ob gut oder schlecht, schon gar nicht 'warum'. Die Frage 'warum' wäre ohnehin nicht wissenschaftlich, der echte Forscher fragt: 'wie?'.

Wollen wir also fortan nicht mehr fragen: "Warum zieht die Lottofee meine Zahlen nicht?", sondern höchstens: "Wie macht sie das?"

Eine Antwort werden wir dennoch nicht erhalten.

 

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