Samstags-Lotto

Vorsicht Mensch

Diesmal sollte es etwas ganz besonderes werden. Eine Sylvesterziehung, geboren für das Buch der Lottogeschichte.

Es wäre allerdings unklug, Dr. Arthur Bleichbreier jetzt auf die Sylvesterziehungen der vergangenen Jahre anzusprechen. Zu katastrophal waren die Folgen gewesen. Diesmal schien Gott sei Dank alles anders zu sein. Freudestrahlend erzählte Dr. Bleichbreier jedem, ob er es hören wollte oder nicht, von dem bevorstehenden Jahrhundertereignis.

Natürlich waren alle froh, dass die Jammerei über vergangene Desaster endlich ein Ende gefunden hatte. Dennoch! Tagesgespräch war, wenn auch hinter vorgehaltener Hand, die Chronologie der Katastrophen. Allen voran die Tischfeuerwerksziehung des Vorjahres, dicht gefolgt von der bengalischen Feuerkugelziehung. An die legendäre Granatenziehung erinnerten sich ohnehin nur noch Wenige, der unerwartet hohe Blutzoll unter den Lottofeen hatte ein erhebliches Loch in die kollektive Erinnerung gerissen.

All diesen Ereignissen gemein war die verdeckte pyromanische Neigung des Lottochefs. Ob seines hemmungslosen Umgangs mit dem Feenmaterial war ihm mehrfach der Vorwurf gemacht worden, mit diesen pyrotechnischen Ziehungen den abendländischen Ethik-Konsens zu verlassen, ein Einwand, den er fassungslos wegwischte. Mit diesem Konsens könne man sowohl Massenmörder als auch Humanist werden, notfalls beides gleichzeitig, wie die Geschichte beweist. Er wäre als Lottochef ausschließlich der oberflächlichen Struktur (und das war bei ihm die samstägliche Lottoziehung) verpflichtet und stehe für metaphorisches Hinterfragen existenzieller Strukturen nicht zur Verfügung. Eine Aussage, die bei den ihm sonst wohlgesonnenen Mitarbeitern eine der seinen ähnliche Fassungslosigkeit erzeugte.

So bestanden verständlicherweise verhaltene Bedenken in Erwartung der diesjährigen Sylvesterziehung und es wurden diskrete Vorsichtsmaßnahmen getroffen.

Dr. W.Leidig zum Beispiel, der Hauspsychiater, hatte höchstvorsorglich seinen Kollegen Prof. Phillipp Keuch eingeladen, um sich bei der humanitären Erstversorgung der zu erwartenden Opfer Unterstützung zu sichern. Im Vorfeld der kommenden Ereignisse saßen die beiden in der Cafeteria des Lottotempels zusammen und fachsimpelten froh vor sich hin.

"Das politisch geführte kleine Gemeinwesen, wie zum Beispiel der Lottotempel, ist das Modell der Zukunft!"
"Vielleicht. Aber vergessen sie nicht die privaten Initiativen, die Selbsthilfegruppen gewinnloser Lottospieler wie die 'Erfolglose Sieben' oder 'Jackpot-Attack'! Auch hier ein enormes Zukunftspotential. "
"Eigenverantwortung, sage ich doch, ist die Devise!"
"Man muss Köpfe und Herzen der Menschen erreichen, nicht ihre Geldbeutel!"
"Das sollten sie, verehrter Kollege, einmal unserem Chef sagen!"
"Ich fürchte, das weiß der doch längst!", gesellte sich Dr. h.c.multi Grasslhauer dazu.
"Auch einen Cappucino?"
"Ja. Aber Spezial!"
"Spezial?"
"Ein Geheimrezept. Wollen sie probieren?"
"Nicht schlecht! Schmeckt nach Bitter..."
"Für mich auch einen! Was ist das Geheimnis?"
"Den Kaffee weglassen."
"Für mich das Gleiche!"

Bordingenieur Schlier und Dr.No, die wissenschaftlichen Experten, hatten ihre Vorbereitungen beendet und schlossen sich der Runde an.

"Wieso kann er nicht eine normal aufgezeichnete Ziehung senden. Diese Aufregungen mit den Live-Ziehungen sind einfach Luxus!"
"Luxus hat etwas mit Sehnsucht zu tun!"
Heftig schnaufend und etwas ungelenk in seiner kugelsicheren Soutane setzte sich Hochwürden Martin Salwarth dazu.
"Erinnern sie sich noch, wie ihnen bei der letzten Pyro-Ziehung ihr rechter Schuh mitgerissen wurde?"
"Entsetzlich, da musste ich mich von 1000 Euro verabschieden."
Ingenieur Schlier sah sich den Ziehungsanwalt zweifelnd von oben bis unten an. Er trug einfache Manschettenknöpfe und eine Fliegeruhr, verkörperte die moderne Seite des Lottotempels.

"Ihre Schuhe kosten 1000 Euro?"
"Der eine!"
"Wieso stehen sie eigentlich immer in vorderster Reihe?"
"Diese Stelle wurde wochenlang wie Sauerbier angeboten, doch alle Wunschkandidaten sagten ab. Ich muß also."
"Niemand muss müssen!"

In diesem Moment betrat Dr. Bleichbreier die Kantine.
"Na meine Herren, schon aufgeregt? Sie werden staunen!"
"Wie weit sind sie?"
"Es wird!"
Dr. h.c.multi neigt sich vertraulich zu Dr. Bleichbreier.
"Muß es wirklich wieder eine Live-Ziehung sein?"
"Aber ich bitte sie, Grasslhauer. Same procedure as every year!"
"Meinen sie wirklich. daß alles klappt?"
"Das Entscheidende ist das Werden, nicht das fertige Ergebnis. Und ein Werden ist es auch, wenn es nie was wird!"

Der Ziehungsanwalt war blass um die Nasenspitze geworden. Er ahnte, wie es wieder enden würde. Noch saß er hier in der Cafeteria in Sicherheit. Er seufzte tief. Ach, könnte er zu diesem Augenlick nur sagen: Verweile doch, du bist zu schön!

Doch wie immer würden diese Worte auch heute Dr. Bleichbreier vorbehalten sein, wenn auch zu vorgerückter Stunde, und auch nur zur Jungfee Gabriella. Ingenieur Schlier würde indessen notfallmäßig eine höchstvorsorglich vorbereitete Aufzeichnung der Ziehung in den Recorder schieben, in der ein ebenfalls aufgezeichneter Ziehungsanwalt Dr. h.c.multi Grasslhauer die Ordnungsmäßigkeit der Ziehungsgeräte bestätigte, während sein Original im Großen Ziehungssaal im Feuerwerk des Lottochefs unterging.

Er hätte es wissen können. Er hätte heute krank sein können, anstatt ein Ziel zu verfolgen, das sich immer wieder verselbständigte. Aber wie waren Dr. Bleichbreiers Liebligsworte, die er häufig und gerne zitierte um andere zu belehren?

"Die Richtung kommt einem von Vorne entgegen... ."

Der Lernprozess würde sich wohl noch über viele Jahre dahin ziehen, und er wird wohl auch nie abgeschlossen sein.

Er nahm sicherheitshalber noch einen Cappucino Spezial. Es sollte schließlich etwas ganz besonderes werden, diesmal ...

Und genau darin ist der Mechanismus begründet, der den spektakulär gefeierten Aufstieg des Wunderkindes im Lottotempel in sein Gegenteil verkehrt hat.
 

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